Eine Kindheit in Vietnam, heute an der Tankstelle, verzückte Rufe, Bewunderung und plötzlich hat das Tochterkind zwei Bonbons in der Hand. Gestern beim Essen holen: spontane Freundschaft mit einem anderen kleinen Mädchen, gemeinsamen den Bürgersteig unsicher machen. Vorgestern beim Abendessen im „Restaurant“: zwischen den Tischen herumtanzen, Freundschaften mit allen anwesenden Gästen und dem Personal schließen, eine Zauberschau bewundern, Süßkram schnorren und einen Abstecher in die Küche machen…

Eine Kindheit in Vietnam, das bedeutet für viele Kinder weniger materieller Wohlstand, weniger Spielzeug, weniger schicke Klamotten, kein eigenes Zimmer, kein eigenes Bett und meistens auch kein Kinderwagen. Eine Kindheit in Vietnam, das bedeutet weniger deutsche Sicherheitsvorkehrungen, keine Kindersitze, viel Zucker und viel Plastik. Eine Kindheit in Vietnam ist im politischen Kontext nicht immer leicht. Es gibt viele soziale, politische, ökonomische und ökologische Probleme, die die Kindheit in Vietnam schwer machen. Gesundheitliche Risiken, fragwürdige Erziehungsmethoden und staatliche Propaganda sind nur einige davon…

Eine Kindheit in Vietnam bedeutet aber auch den gesellschaftlichen Konsens, dass Kinder eine Teil der Gesellschaft sind. Ja, nicht nur eine akzeptierter Teil der Gesellschaft, sondern sogar ein willkommener Teil. Kinder sind einfach überall, im Supermarkt, im Café, im Restaurant, auf der Straße, im Park, im Flugzeug …

Und was für viele deutsche Eltern erst einmal unangenehm sein mag, Kinder bekommen auch viel Aufmerksamkeit, auf der Straße, von Fremden. Kinder werden angesprochen, bespaßt, angelangt und beschenkt. Mit ihnen wird gespielt. Sie werden bewundert. Und manchmal fühlen sich auch Fremde dazu verpflichtet, ihnen die Leviten zu lesen.

Es vergeht kein Tag an dem das Tochterkind nicht irgendein Bonbon, einen Apfel, ein Brot oder einen Kuchen geschenkt bekommt. Es findet sich immer jemand der mit ihr spielt. Immer haben andere ein Auge mit auf das Tochterkind. Sie darf beim Putzen im Gästehaus helfen, beim Kassieren im Café und am Straßenstand Plastikstühle stapeln. Wenn wir „Chè“ essen gehen spielt sie mit den Kindern der Besitzer und diese, obwohl viel älter, passen immer ein bisschen auf sie auf. Bei schönem Wetter macht sie den Sportplatz hinter dem Haus unsicher und es gibt immer ein paar nette Studenten, die mit ihr „Basketball“ spielen oder mit ihr Steinchen tauschen. Wenn ihr alles etwas zu viel wird, verabschiedet sie sich und läuft einfach zu uns zurück.

Überhaupt ist Vietnam für das Tochterkind wohl so etwas wie das Wunderland. Überall Kühe, Hunde, Katzen und Hühner. Ganz viel Aufmerksamkeit, ganz viel Liebe und ganz viel Akzeptanz. Niemand der von einer knapp Zweijährigen Höflichkeit und gute Erziehung erwartet.

Inzwischen ist schon März und am Horizont lässt sich unsere Rückkehr nach Deutschland erahnen. Und während ich mich auf vieles in Deutschland freue, kann ich nicht gerade sagen, dass ich die deutsche Kinderfreundlichkeit sehr vermisse. Viel mehr frage ich mich wie es für das Tochterkind wird, sich wieder in einer deutschen Kindheit einzuleben, die vor allem von Grenzen geprägt ist, während sie hier in Vietnam ihre Freiheiten genießen kann.

Ich schaue ihr dabei zu wie sie über den Unicampus stromert. Barfuss.

Ich sehe sie mit den Nachbarskindern toben.

Und mit den Unistudenten ihre Tanzroutine einüben.

Abends um 7 im Café sehe ich junge Familien mit kleinen Kindern zwischen Studentengruppen und Cliquen noch einen Fruchtsmoothie genießen.

Und ich wünsche mir, dass wir in Deutschland, Kinder wieder mehr als wertvollen Teil unserer Gesellschaft sehen, damit meine Tochter mit dem Gefühl aufwachsen kann Willkommen zu sein. Nicht zu stören, niemanden zu belästigen und vor allem Kind sein zu können.

Stattdessen  wird auf uns alle wohl eine harte Zeit zu kommen. Wir werden neue Grenzen ziehen müssen und unsere Tochter wird ihren Entdecker- und Stromerdrang deutlich einschränken müssen. Und sie wird damit leben müssen, nicht an jeder Ecke beschenkt zu werden.

 

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