Ach was waren das noch für Zeiten als uns nur die Frage nach dem richtigen Schlafverhalten umtrieb. Seitdem wachsen die Herausforderungen fast täglich. Vor einem Jahr war unsere größte Sorge, wie wir unser Kind davon abhalten können uns zu verkloppen. Jetzt sehen wir uns zwischenzeitlich mit einer kleinen Wutkugel konfrontiert. Schreiend, mit Sachen werfend (leider meist den Falschen) und sich auf den Boden werfend. Große Gefühle, große Dramen und ganz viel eigener Willen bringen uns an unsere Grenzen. Dabei sollen doch wir die Grenzen setzen oder hab ich da was falsch verstanden?

Das Tochterkind will auf den Tischen tanzen. Das Tochterkind will ins Café. Das Tochterkind will einen Film schauen. Das Tochterkind will mit dem Auto fahren. Das Tochterkind will Sachen werfen. Das Tochterkind will schreien…

Die Liste ist endlos.

Und jedes Mal sind wir gefragt. Was geht okay? Was können wir erlauben? Was müssen wir verbieten? Und wie oft am Tag ist es noch okay „nein“ zu sagen. Und dann folgt auf jedes „nein“ und jedes Einschreiten unsererseits das große Drama- aufheulen, auf den Boden werfen, Sachen werfen, treten, hauen…

Egal ob Trotzphase, Autonomiephase, Terrible Two oder wie auch immer man das Ganze jetzt nennt, es ist anstrengend. Es fordert unsere Geduld heraus. Und es wirft die Frage auf, wie wir richtig reagieren.

Wieviel „Trotz“ ist normal mit zwei Jahren? Wieviel Verständnis und Geduld müssen wir aufbringen? Was ist mit unseren Grenzen, wenn wir nicht gehauen oder angeschrien werden wollen? Wie verhindern wir effektiv, dass sie fremdes Eigentum zerstört? Und wie können wir ihr respektvoll begegnen und trotzdem klare Grenzen aufzeigen?

Der elterliche Kampf mit Meister Trotz

In der Theorie klingt das alles so schön einfach. Ein gutes Vorbild sein, nicht anschreien, keine Gewalt, ruhig bleiben, konsequent bleiben, spiegeln und was es nicht alles gibt.

In der Praxis gibt es Momente in denen mir nichts anderes bleibt als dem Tochterkind den jeweiligen Gegenstand wegzunehmen und zwar so schnell wie möglich. Da hechtet dann schon mal ein Elternteil dem Teeglas hinterher, dass in einem Anfall an „physikalischer Neugier“/ Provokation/ Wut? auf den Boden geworfen wird. Oder wir zerren ein verzweifelt schreiendes Kind vom Süßigkeitenkiosk der Uni weg, wohin sie mal wieder einen Ausflug zum Schnorren von Eis und Lollies unternommen hat (und ja, sie bekommt das dann dort alles geschenkt). Oder mir bleibt nichts anderes übrig als eine nächtliche Runde um den Block zu machen, weil mein gerade erst repariertes Smartphone zum vierten Mal die Bekanntschaft des Fliesenbodens gemacht hat, weil das Tochterkind nicht die Aufmerksamkeit bekommen hat, die sie gerade braucht. Oder ich verfrachte das Tochterkind mal wieder ins väterliche Bett, weil mich ihre Forderung nach Trinken, Aua-Creme und was weiß ich nachts um halb eins zur Weißglut bringt.

Es gibt diese Momente, in denen das eine Elternteil nicht mehr kann und nicht mehr will. Und man nur hoffen kann, dass dann das andere Elternteil einspringen kann und nachts mit weinendem Kind durchs Zimmer wandert.

Und es gibt diese Momente, in denen wir einfach nicht mehr weiter wissen. In denen wir so unsicher sind welche Grenze jetzt notwendig ist und was noch okay ist. Verwöhnen wir unser Kind, lassen wir ihr zu viel durchgehen, wird sie uns später völlig terrorisieren, müssen wir mehr Grenzen setzen? Wie, wo, wann einschreiten?

Wenn das Tochterkind zum zehnten Mal mit Büchern nach einem wirft, dann fällt es schwer beim elften Mal ruhig zu bleiben. Und es schleicht  sich die Sorge ein, etwas falsch zu machen. Es fällt schwer die eigenen Methoden nicht anzuzweifeln. Und man fragt sich automatisch, ob man nicht härter durchgreifen müsste und wie um Himmelswillen die eigene Erziehung effektiver werden könnte.

Es folgen erste Meinungsverschiedenheiten, während wir Eltern versuchen den richtigen Weg zu finden und dabei nicht immer einer Meinung sind. Es folgt noch mehr Frustration, wenn immer und immer die gleiche Grenze gesetzt werden muss. Es folgt Scham, wenn man wieder nicht geduldig und respektvoll war, sondern laut geworden ist.

Und es folgen noch mehr Zweifel, weil man ja eigentlich weiß, dass es vielleicht nur das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit oder die Erschöpfung und Überreizung durch zu viel Aktivitäten und Menschen ist, die das Tochterkind zur kleinen Furie werden lassen. Und man weiß auch, dass Kinder Grenzen immer wieder testen und dass sie das vor allem bei Menschen tun, bei denen sie sich sicher und geliebt fühlen…

Und trotzdem ist es manchmal schwer.

Und trotzdem will man alles richtig machen.

Und trotzdem zweifelt man.

Und trotzdem sitzt einem die gesellschaftliche Erwartung im Nacken, wenn sich das Kind „daneben“ benimmt.

Darf eine Zweijährige beim Essen aufstehen oder muss sie sitzen bleiben? Darf sie mit Steinen werfen? Mit Stöckchen fechten? Darf sie barfuß laufen? Darf sie auf Tische klettern? Darf sie bei anderen mit großen Augen Essen schnorren? Darf sie mal laut werden? Darf sie „stören“?

Was also tun mit unserer Prinzessin Dickkopf und ihrem Trotz?

Vielleicht steht ganz am Anfang die Akzeptanz. Die Akzeptanz dass das Leben einer Zweijährigen manchmal eben ganz großes Drama ist. Dass da ganz viele ganz große Gefühle in diesem kleinen Körper sind. Und dass sich das eben nicht ändern lässt. Das es sogar ein wichtiger Schritt in ihrer Entwicklung ist. Aber auch die Akzeptanz, dass wir manchmal eben scheitern und an unsere Grenzen kommen und nicht alles richtig machen können

Und dann ist da die Geduld. Immer wieder reden, erklären, wiederholen. Grenzen immer wieder klar machen. Geduld mit dem Tochterkind und Geduld mit uns. Mit unseren Gefühlen und Erwartungen.

In jedem Moment mit dem Tochterkind hilft es außerdem die Situation zu hinterfragen und Verständnis für die Perspektive der Tochter aufzubringen. Ist das „Nein“ hier jetzt angebracht? Warum meine ich etwas verbieten zu müssen? Gibt es nicht auch Alternativen zum Verbot? Und will sie nciht einfach nur noch etwas länger spielen? manchmal hilft dann schon ihr einfach mehr Zeit zu geben oder Räume für sie zu schaffen und den Alltag an ihre Bedürfnisse anzupassen.

Dazu gehört Vertrauen. Vertrauen in die Fähigkeiten der Tochter, ihre eigenen Grenzen zu kennen. Das Vertrauen, dass sie nicht in den Teich fallen wird, oder vom Tisch oder der Schaukel. Vertrauen, dass sie Regeln einhalten kann. So rennt sie tatsächlich nicht auf die Straße, wenn wir nicht hinter ihr her jagen oder sie mit Argusaugen beobachten. Und Vertrauen, dass sie uns versteht, verstehen will und zuhört, wenn wir ruhig mit ihr reden. Und auch das Vertrauen, dass wir das schon alles richtig machen – irgendwie. Und sie nicht verwöhnen und sie uns auch nciht auf der nase herumtanzt, wenn sie einfach nur gerne noch etwas länger spielen will

Und so sind dann viele Grenzen gar keine wirklichen Grenzen, sondern nur unserer Bequemlichkeit, den gesellschaftlichen Erwartungen oder unseren Ängsten geschuldet.

Und meistens klappt es dann tatsächlich. Und manchmal klappt es eben nicht.

Und dann stehen wir da mit dem schreienden Kind. Und uns bleibt nichts anderes übrig als sie in den Arm zunehmen, ihr Zeit zu geben und sie zu trösten, während das Tochterkind ihren Frust auf die Welt hinausweint. Wir müssen das aushalten und sie muss das aushalten. Und oft geht es dann auch so plötzlich vorbei wie es angefangen hat.

Und dann gibt es da diese verrückten Einfälle, die sie manchmal hat und die uns zum Lachen bringen, obwohl es doch eigentlich zum Weinen sein sollte.

Wie letztens. Da wollte sie unbedingt ins Café. Wir wollten aber lieber essen gehen. Dann wollte sie in die Apotheke. In der Apotheke gibt es einen kleinen Hund. Wir wollten aber auch nicht in die Apotheke. Wir wollten immer noch essen. dann wurde sie wütend. Und dann hat sie plötzlich über Schmerzen geklagt. In ihrem Bein. Das würde „aua aua“ machen. Und dann hat sie nach „Ceme“ verlangt. Denn auf schmerzende. juckende Mückenstiche gehört schließlich Creme. Und die haben wir letztens in der Apotheke gekauft. Also hat sie und aufmunternd zugenickt und nach „Ceme“ verlangt und auf die Apotheke gezeigt. Das fand sie dann weniger lustig, dass es trotzdem zum Essen und nicht in die Apotheke ging.

Aber Erdnüsse und Eier haben sie wieder versöhnlich gestimmt. Und wir mussten schmunzeln.

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